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Es kommt schleichend…

Exponentielles Wachstum ist für uns Menschen schwer vorstellbar bzw. schlichtweg nicht greifbar. Ein eingängiges Beispiel zur Veranschaulichung dieser menschlichen „Inkompetenz“ ist die allseits bekannte Anekdote vom Schachbrett und den Reiskörnern. Sie geht ungefähr so… Der Indische König will dem Erfinder des Schachspiels, namens Sessa, eine Belohnung für diese geniale Erfindung geben. Dieser erbittet ein Reiskorn auf dem ersten Schachfeld, zwei Reiskörner auf dem Zweiten, vier auf dem Dritten usw. Also von Feld zu Feld eine Verdopplung der Reiskörner bis zum 64. Spielfeld. Der König will der Bitte nachkommen und hält es für eine bescheidene Forderung. Später ist er sehr erzürnt als er feststellt, dass er der Forderung nicht nachkommen kann. Auch er unterschätzte das exponentielle Wachstum, denn aus dem einen Reiskorn müssten 18 Trillionen Reiskörner werden. Dies entspräche 500 Milliarden Tonnen Reiskörnern oder die derzeitige Weltjahresproduktion an Reis über einen Zeitraum von 1000 Jahren. Je nach Version der Geschichte wird Sessa in der Folge befördert oder hingerichtet.   

Wir erfahren dieses exponentielles Wachstum derzeit bitterlich am eigenen Leib. Auch in der Corona Krise steigt die Zahl der Infizierten mit einer unvorstellbaren Schnelligkeit. Diese Dynamik überrascht, war jedoch schon vor Wochen erkennbar. Wenn ich auf die letzten 4 Wochen zurück schaue, kann ich immer noch nicht glauben, wie sehr sich das Leben in kürzester Zeit verändert hat. Vor 5 Wochen war Corona bereits präsent und es gab die ersten Diskussionen beispielsweise Großveranstaltungen abzusagen. Doch für Viele war das zum damaligen Zeitpunkt noch sehr überzogen. Ich selber war vor 5 Wochen auf einem Handballbundesligaspiel mit mehreren Tausend Zuschauern. Für mich, sowie für die Familien und Kinder dort vor Ort, eine Selbstverständlichkeit. Angst? Nein, wir nicht. Die ganzen Diskussionen sind doch alle übertrieben. So die Denke vor wenigen Wochen. In den darauffolgenden Tagen und Wochen verschlechterte sich die Lage extrem. Gegenmaßnahmen begannen, die ersten Großereignisse wurden abgesagt, Fußballspiele fanden teilweise unter Ausschluss der Zuschauer statt und in Unternehmen nahmen die Verbote zum Reisen zu und die Home Office Regelung wurde immer mehr ausgeweitete. Bereits 2 Wochen nach „meinem“ Handballspiel wurden die Schulen und Kindergärten geschlossen eine weitere Woche später der nahezu Shutdown beschlossen. Und die Zahl der Corona Fälle wurde mehr und mehr. Die Kurve der Neuinfektionen eine Exponentielle.

Erleben wir einen solchen Effekt in der Digitalisierung bzw. in der Ausbreitung der Künstlichen Intelligenz? Derzeit verläuft alles sehr schleichend. KI kommt zwar immer mehr in unserer Welt an, jedoch findet vieles unter der Oberfläche statt. Die potenziellen gravierenden Auswirkungen auf die bestehende Industrie und Unternehmenswelt ist noch nicht sichtbar. Aber digitale Geschäftsmodelle sind disruptiv und entwickeln sich meistens exponentiell. Sie sind auf Skalierung ausgelegt. Als Amazon sich aufmachte den Buchhandel zu revolutionieren, waren die Auswirkungen auf den Buchhandel absehbar, jedoch war es nicht vorstellbar, dass Amazon bald eines der mächtigsten Unternehmen werden sollte und den Handeln auf vielen Feldern revolutionieren würde. Heute gibt es kaum noch jemand, der nicht über Amazon bestellt. Amazon besitzt eine markbestimmende Stellung und baut seine Macht immer weiter aus. Und die Geschwindigkeit nimmt in der Corona Krise weiter zu.

Was dem Handel mit Amazon passierte, kann vielen Branchen mit revolutionierenden KI-Geschäftsmodellen passieren. Tesla beispielsweise stattete seine Fahrzeuge von Beginn an mit Sensoren und Kameras aus und erhebt auf diese Weise seit vielen Jahren Daten. Damit trainiert Tesla seine KI für autonomes fahren und wird einen immensen Wettbewerbsvorteil von mehreren Jahren haben, sollte autonomes Fahren Wirklichkeit werden. Denn es kommt im Fall der KI nicht darauf an, eine Software oder eine Technologie nachzubauen, um einen Wettbewerbsnachteil wieder aufzuholen. Das wäre nach Expertenmeinungen in 1-2 Jahren möglich. Nein, es kommt auf die Daten an. Man kann nicht auf die Daten anderer einfach so zugreifen und seine KI trainieren. Daten liegen meistens nicht einfach auf der Straße, man muss sich die Datenbasis selber erschaffen. Und das kostet Zeit, viel Zeit. Entsprechend groß wird der Wettbewerbsvorteil von Unternehmen sein, die rechtzeitig Daten in den wichtigen Bereichen sammeln oder erheben. 

Wie sollte man also damit umgehen? Ich denke, man muss nicht sofort sein funktionierendes Geschäftsmodell über den Haufen werfen und alles infrage stellen. Es geht viel mehr darum, sich gezielt auf diese Zukunft ab sofort vorzubereiten und sich eine Strategie zu recht zu legen, damit die notwendige Datenbasis aufgebaut werden kann. Andrew Ng, einer der führenden KI Vordenker, formulierte es wie folgt:

„In the past, a lot of S&P 500 CEOs wished they had started thinking sooner than they did about their Internet strategy. I think five years from now there will be a number of S&P 500 CEOs that will wish they’d started thinking earlier about their AI strategy.“

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